Kostprobe: Born to be digital? Ein Gespräch mit Benjamin Heinz über Digital Natives

Benjamin Heinz Digital Natives
Benjamin Heinz: Gar nicht so lange her: Hier bin ich selbst noch Schüler an der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg. (Foto: privat)

Digital Natives: Dieser Begriff ist geradezu eine magische Beschwörungsformel für den Versuch, Generationen zu umfassen, die mit dem Digitalen aufgewachsen sind. Heute habe ich hier Benjamin Heinz zu Gast. »Ich bin ein zeitreisender Erzähler und interessiere mich für zielgerichtetes Social Media, gelungene Kommunikation, interessante Museen, gut gemachte Ausstellungen und spannende Geschichten.« So beschreibt Benjamin sich bei about.me – und so schätze ich ihn: als interessierten und aufmerksamen Menschen, der einen guten Blick für andere hat. Da er selbst jüngst in einem Projekt mit sogenannten Digital Natives gearbeitet hat (und vom Alter her vermutlich oft selbst als einer herhalten muss), habe ich ihn mal zu diesem Begriff befragt.

Wibke Ladwig: Mit dem Institut für digitales Lernen hast Du ein multimediales Schulbuch umgesetzt und hierfür eng mit Schülerinnen und Schülern zusammengearbeitet. Über die Digital Natives kursieren die irrwitzigsten Studien und Ansichten. Wie hast Du sie erlebt?
Benjamin Heinz: Viele Schülerinnen und Schüler gehen selbstverständlich mit ihren Smartphones um und nutzen sie ständig. Meist werden sie verwendet, um miteinander zu kommunizieren: Verschickt werden WhatsApp-Sprachnachrichten und kurze Snaps an Freunde. Um am Ball zu bleiben, verfolgen Jugendliche häufig den Alltag ihrer Idole bei YouTube und Instagram. Der unverkrampfte und alltägliche Umgang mit den Neuen Medien ist ihr größtes Plus; davon kann man sich ruhig eine Scheibe abschneiden. Was Schülerinnen und Schüler im Gegenzug von mir lernen können? Am ehesten einen kritischen Blick und das Reflektieren über Konsequenzen der eigenen Smartphonenutzung.

Von Geburt an Experten fürs Digitale?

WL: Unternehmen versprechen sich – bei allen Unkenrufen über die Jugend, die seit Sokrates Zeiten* verdächtig ähnlich klingen – von den Digital Natives, dass sie quasi von Geburt an das Digitale leben und beherrschen. Machen es sich die Unternehmen damit zu einfach – und den Digital Natives das Leben schwer?
BH: Der Begriff Digital Natives ist irreleitend, da er davon ausgeht, dass Schülerinnen und Schüler schon von Geburt an sämtliche Werkzeuge und Möglichkeiten der digitalen Welt kennen und beherrschen. Nur weil sie Messengerdienste wie WhatsApp und Snapchat für ihre persönliche Kommunikation nutzen können, heißt das nicht automatisch, dass sie digitale Medienkompetenzen mitbringen. Damit meine ich den adäquaten Umgang mit Recherche- und Lernwerkzeugen, Fähigkeiten im Videoschnitt, um beispielsweise YouTube-Videos selbst zu produzieren und deren Machart zu hinterfragen, oder Grundlagen im Programmieren, um selbstständig Webangebote zu kreieren. Solche Kompetenzen sind meiner Erfahrung nach viel weniger verbreitet als man vielleicht annimmt. Hier würde ich mir wünschen, dass die Förderung solcher Fähigkeiten und Fertigkeiten Eingang in die Lehrpläne nimmt. Leider ist das noch nicht hinreichend umgesetzt, es herrschen an Schulen oft Smartphone- und Social-Media-Unsicherheiten. Statt die didaktischen Potentiale zu nutzen, wird aus Angst vor Missbrauch lieber der Gebrauch verboten. Hier verkennt man die pädagogischen Möglichkeiten und verhindert dadurch die frühe Ausbildung von zukünftigen Digital Professionals.

WL: Herzlichen Dank, Benjamin!

P.S. 2014 gründete Benjamin Heinz übrigens Heinz Marketing.

Das Interview führte Wibke Ladwig.

In unserer Reihe Kostprobe sprechen wir mit Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit Kommunikation befassen. Uns interessiert, wie Menschen miteinander in geschäftlichen Zusammenhängen umgehen und wie digitale und analoge Welt zusammenwachsen.

*»Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.« Sokrates zugeschrieben (470 – 399 v. Chr.)

 

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