Echtes Leben offline

Christian Boeckmann kleine republik
Christian Boeckmann, Redaktion CO-REACH[magazin]
Ganzheitliches Kauferlebnis? Online-Shopping darf einfach öde sein …

… findet unser Autor, denn: Gerade im vorweihnachtlichen Geschenkebeschaffungswahnsinn kommt es doch in erster Linie auf einen guten Preis und eine bequeme Beschaffung an, oder?

Wer erinnert sich an Second Life? Sehe ich zwei, drei Hände? Immerhin: Bis heute tummeln sich einige zehntausend Spielfiguren (Avatare) in den selbst gestalteten 3D-Welten. Die sind seit 2003 online, der große Hype ist freilich vorbei. Was aber Geschichte geschrieben hat, war der Versuch von Unternehmen, Einkaufen im Internet erstmals zum Erlebnis zu machen. Der Verkäufer-Avatar berät den Konsumenten-Avatar im schick designten Shop. Bei Adidas zum Beispiel konnte man mit dem virtuellen Linden-Dollar seiner Figur digitale Schuhe kaufen. Auch IBM, BMW und Sony Music positionierten sich bei Second Life mit ihren typischen Produkten. Mit ausreichend Dollar heizte man also im Traum-BMW mit dem Lieblingslied auf den Kopfhörern durch die Landschaft. Und bei der Deutschen Post bastelten die Besucher eigene Postkarten, die sich dann als echte Grußkarten in die reale Welt versendeten. Knuffig! Alles zu einer Zeit, als der Online-Handel noch am Anfang stand und der durchschnittliche Webshop weder hübsch noch praktisch war.

Heute ist das anders. Die Verkaufspreise sind nahezu transparent und werden bei Bedarf blitzschnell und automatisiert angepasst. Deshalb rackern sich fast alle Anbieter am „ganzheitlichen Kauferlebnis“ für den Kunden ab. „Um das Shoppingerlebnis zu verbessern, werden die Seiten aktuell überarbeitet“, las ich neulich in einem Webshop. Vorbei das schlichte „Suchen-Finden-Bezahlen-Geschickt bekommen“ früherer Tage. Die Folge ist, dass man reichlich Multimediales geboten bekommt: Videos, 3D-Ansichten, Produktvergleiche, Live-Beratung per Chat, Kaufempfehlungen für Zubehör. Alles Dinge, die der stationäre Handel schon immer konnte.

Manches ist Brimborium, anderes nützlich. Aber am Ende fühlt sich das Shopping doch nur wie eine Beschaffung an und nicht wie ein Erlebnis. Schmecken, riechen und fühlen kann ich Produkte eben nicht im Web. Plaudern und Lachen bleiben draußen. Macht aber nichts. Der große Genuss liegt im günstigen Preis – und in der Zeitersparnis. Die berührt mich dann doch emotional. Dinge unfallfrei im Netz kaufen, macht einfach zufrieden. Weil man mehr Zeit hat für die echten Erlebnisse mit Freunden und Familie. Und dafür danke ich allen, die im Hintergrund werkeln an der Nutzerführung, am Design, an Videoclips, treffenden Produktbeschreibungen, an Kassensystemen, ERP und Logistik. Ihr macht das (fast immer) super! Und auf mein ganzheitliches Kauferlebnis warte ich einfach weiterhin geduldig.

Autor: Christian Boeckmann, Redaktion CO-REACH[magazin]

… Und wenn das Geschenkeauspacken zum Erlebnis wird, wird der Beschaffungsprozess doch kurzzeitig zweitrangig. Wir wünschen komfortables Weihnachtsshopping, on- und offline!

 

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