„Uns gehört das, was öffentlich ist“

Quelle: Christian Boeckmann, Redaktion CO-REACH[magazin]

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Jeff Jarvis ist Blogger und Professor für Journalismus an der City University of New York. Bücher: What Would Google Do? (2009) und Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live (2011), das kürzlich auf Deutsch erschien: „Mehr Transparenz wagen! Wie Facebook, Twitter & Co. die Welt verändern

Das Internet erzeugt neue Dimensionen der Öffentlichkeit. Unternehmen sollten das ausnutzen, sagt der Journalist und Medien-Experte Jeff Jarvis. Sorgen machen ihm alle Einschränkungen des öffentlichen Wissens.

Das Internet erzeugt neue Dimensionen der Öffentlichkeit. Unternehmen sollten das ausnutzen, sagt der Journalist und Medien-Experte Jeff Jarvis. Sorgen machen ihm alle Einschränkungen des öffentlichen Wissens.

Sie schreiben viel über die Vorzüge der öffentlichen Sphäre: Tausende sichtbare Interaktionen fördern den Erfindergeist und führen zu gesellschaftlichem Fortschritt, besseren Produkten und Dienstleistungen. Wie ändert sich die Beziehung zwischen Kunde und Unternehmen?

Das eigentlich Neue ist, dass Unternehmen ihre Kunden heute in einem Maß hören können wie nie zuvor. Dies eröffnet viele großartige Möglichkeiten. Doch es geht nicht nur darum, die Wünsche der Kunden zu hören, sondern im Idealfall mit ihnen zusammenzuarbeiten, zum Beispiel in der Produktentwicklung. Über Plattformen wie Kickstarter können Unternehmen sogar neue Projekte mit dem Kapital ihrer Kunden finanzieren. Je stärker ein Unternehmen sich öffnet, desto mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit dem Markt wird es entdecken. Hier liegt ein riesiges Kraftpotenzial.

Was müssen Unternehmen lernen, um diese Chancen für sich zu nutzen?

Sie müssen lernen, dass ihre Kunden über sie reden – ganz gleich, ob die Unternehmen am Gespräch beteiligt sind oder nicht. Warum also nicht mitreden und damit das Gespräch aufwerten? Kunden, die sich über Firmen beschweren, tun ihnen damit eigentlich einen Gefallen: indem sie Verbesserungshinweise geben. Kunden sind intelligent und haben gute Ideen (und auch weniger gute). Schließlich müssen Unternehmen auch lernen, dass Geheimhaltung von den Kunden selten geschätzt wird. Im Gegenteil: So werden wertvolle Beziehungen zwischen Firma und Kunde behindert.

Sie kritisieren so manche Einschränkung der Öffentlichkeit im Internet. Was bereitet Ihnen Sorgen?

Alles, was öffentlich ist, ist ein öffentliches Gut und mir ist sehr daran gelegen, dessen Wert zu schützen. Ein Beispiel: Im Streit über Google Street View in Deutschland – bei dem Personen ein „Verpixelungsrecht“ eingeräumt wurde, sodass Google nur begrenzt Fotos von Ansichten öffentlicher Straßen aufnehmen konnte – wurde öffentliches Wissen eingeschränkt und ein Präzedenzfall geschaffen, der Journalisten und die Redefreiheit beeinflussen könnte. Natürlich müssen wir die Privatsphäre schützen – aber genauso die Öffentlichkeit. Denn uns, der Öffentlichkeit, gehört das, was öffentlich ist, und wir profitieren davon.

Was antworten Sie Menschen, die Angst vor Datenmissbrauch haben?

Die Privatsphäre wird bereits auf vielerlei Weise geschützt. Dieser Schutz war schon lange vor der Zeit des Internets ein Thema. Wir haben Gesetze, die vorschreiben, dass sich Unternehmen Informationen über Sie nicht unbefugt aneignen oder in betrügerischer Weise verwenden dürfen. Dies gilt – ganz gleich, ob Technik im Spiel ist oder nicht.

Wie sollten Unternehmen handeln, wenn Kunden einen Datenmissbrauch befürchten?

Wir in der Medien-, Werbe- und Technikbranche haben hier wirklich schlechte Arbeit geleistet. Wir haben ein Geheimnis darum gemacht, weshalb Daten erhoben werden, was damit geschieht und welchen Nutzen die User haben. So konnte es dazu kommen, dass einfache Web-Cookies verteufelt werden, obwohl sie meist nützlich sind. Amazon ist ein gutes Beispiel. Hier werden Transaktionen gespeichert, können rückverfolgt werden und die Kunden wissen davon. Amazon nutzt diese Informationen, um Kunden bessere Empfehlungen zu geben – das ist Mehrwert. Wichtig ist, dass die Kunden auf ihre Daten zugreifen und sie korrigieren können. Unternehmen sollten diesem Beispiel folgen. Demonstrieren Sie ein hohes Maß an Transparenz: in Bezug auf Daten, die Sie erheben, den Grund, weshalb Sie sie erheben und darüber, wie Benutzer davon profitieren. Räumen Sie diesen Benutzern möglichst viel Kontrolle über die Daten ein. So wird auch Ihr Unternehmen davon profitieren.

Für ein Gleichgewicht zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre sind Datenschutzbestimmungen erforderlich. Wird es jemals einfache, verständliche Regeln geben – vielleicht sogar auf internationaler Ebene?

Ich hoffe nicht, denn dann sind wir auf maximale Regulierung bei minimaler Freiheit festgelegt.

Hat sich Ihre Meinung über Google seit dem Buch „What would Google do“ verändert?

Google erstaunt mich immer wieder. Ein Suchmaschinenanbieter hat sich in ein Werbeunternehmen und schließlich in ein Mobilfunkunternehmen verwandelt. Ich nutze inzwischen Google-Hardware – Android Phone, Android Tablet, Chromebook Computer – weil ich auch die erstklassigen Google-Dienste nutze: Gmail, Google Maps, Calendar, Docs, Drive, Now usw. Es ist immer wieder eindrucksvoll zu sehen, wie das Unternehmen es versteht, Chancen für die Zukunft zu sehen und zu nutzen.

 

Am 19. und am 20. Juni 2013 spricht Jarvis zum Thema „Mehr Transparenz wagen“ auf der Crossmedia Area der mailingtage

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