Die vernetzte Gegenöffentlichkeit

Tichy
Roland Tichy

Der Journalist Roland Tichy über die klassischen Medien und das Ende des passiven Konsumenten.

Herr Tichy, auf welche Weise verändert das Internet die Öffentlichkeit?
Roland Tichy:
Das Internet ist nicht nur ein weiteres Medium, so wie die Zeitschriften die Fortsetzung der Zeitung waren. Erstens: Der Zugang erfolgt mit geringsten Kosten, sodass jeder zum Medium werden kann. Zweitens bildet sich damit eine vernetzte Gegenöffentlichkeit, die Meinungen austauscht, statt sie zu postulieren. Damit kommen die klassischen Medien unter Druck. Das ist ein fundamentaler Wandel. Und die Bürger nutzen die neuen Möglichkeiten: Es gibt Tausende von Mails und Meinungsäußerungen, eine unendliche Zahl von Blogs und darunter sind schon einige Meinungsbildende. Das Internet ist nicht mehr die Spielwiese einer Minderheit, sondern der Mehrheit.

 

Die Öffentlichkeit kann also dank des Internets einfacher sprechen und widersprechen. Was passiert dadurch mit den klassischen Medien?
Roland Tichy:
Nach dem Germanwings-Absturz im März gab es eine breite Debatte im Netz darüber, was Medien dürfen und was nicht. Ich will mich an der inhaltlichen Debatte nicht beteiligen. Nur eines ist klar: Durch das Netz kamen die Medien massiv unter Rechtfertigungsdruck. Aus den Beobachtern und Zensoren wurden Beobachtete und Zensurierte. Das hat es vorher so nicht gegeben.

 

Die Massenmedien bekommen damit eine neue Qualität der Kritik ab. Auf was müssen sich derweil die Marketingbranche und die Unternehmen gefasst machen?
Roland Tichy:
Die Marketingbranche lächelt etwas über die Qualen der Medienbranche, ist aber mindestens genauso betroffen. Ein Shitstorm über ein Produkt kann verheerend sein. Die Zeit des passiven Konsumenten ist vorbei, die Unternehmen müssen das Netz beobachten und schnell reagieren können. Auf der Habenseite steht Online-Marketing, das ich für vielversprechend halte. Tatsächlich stützen sich viele Marketingverantwortliche aber noch auf klassische Medien. Das wird sich als Manko herausstellen.

 

Mit Blick auf die Schattenseiten des Internets: Brauchen wir eine neue Kommunikationskultur?
Roland Tichy:
Das Netz ist voller Häme und Beleidigungen, und wir werden Filter entwickeln, um die Beleidiger fernzuhalten. Das wird sich herauskristallisieren, so wie sich unsere derzeitigen Vorstellungen von Journalismus, Pressefreiheit und Presserecht auch über zwei Jahrhunderte entwickelt haben. Wir werden dazu allerdings nur ein Dutzend Jahre Zeit haben.

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